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Ergotherapeutische Ziele formulieren

Von Lexi Mannes
Veröffentlicht in Ziele
29. April 2021
4 min Lesezeit
Ergotherapeutische Ziele formulieren
Photo by Markus Winkler on Unsplash

Inhaltsübersicht

01
Warum ist es so wichtig Ziele zu formulieren?
02
Wie kann ich praxistaugliche Therapieziele entwickeln?
03
Wie fange ich damit an?

Wer nicht weiß wohin er will, soll sich nicht wundern, wenn er ganz woanders ankommt. (Laurence J. Peter)

Das Formulieren von Zielen ist häufig ein leidiges Thema. Wenn ich es bei meinen Kolleg*innen anspreche, ernte ich meistens ein unbehagliches Schaudern und große Skepsis. Kannst du dich wiederfinden?

Dabei ist es unglaublich wichtig in der Therapie mit unseren Klient*innen Ziele festzulegen und darüberhinaus viel einfacher, als die meisten glauben.

Warum ist es so wichtig Ziele zu formulieren?

Konkret formulierte Ziele sind wichtig für eine zielgerichtete Therapie. Ich arbeite in einem großen Gesundheitszentrum. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es besonders bei Klient*innen mit längerfristigem Behandlungsbedarf ausgesprochen wichtig ist möglichst konkrete Ziele zu formulieren. Konkrete Ziele eröffnen dir die Möglichkeit dich in der Therapie auf eine Betätigung zu fokussieren. Außerdem verringern sie das Risiko, dass du dich mit deinen Klient*innen festfährst und in der Therapie immer nur das selbe tust.

Stell dir vor, du willst in den Urlaub fahren. Du hast eine grobe Vorstellung davon wo du deinen Urlaub verbringen willst (“Irgendwo wo’s schön ist”), du steigst ins Auto und fährst los. Die Chancen stehen jetzt nicht schlecht, dass du irgendwo landest wo du überhaupt nicht hinwolltest, dass du immer im Kreis fährst, weil du keinen guten Orientierungssinn hast oder, dass du an einem Ort landest, an dem du nur halbwegs zufrieden bist. Das alles klingt nach einem unbefriedigenden Urlaub.

Genau das selbe gilt auch für deine Therapie. Wenn du mit deinen Klient*innen kein konkretes Ziel entwickelst ist die Gefahr sehr groß, dass die Therapie kein zufriedenstellendes Ergebnis bringt. Dazu kommt, dass du mit deinen Klient*innen auch nicht überprüfen kannst, ob der Interventionsprozess zum gewünschten Ergebniss führt.

Wie kann ich praxistaugliche Therapieziele entwickeln?

Die meisten Therapeut*innen verbinden mit dem Thema “Zielformulierung” meistens eine Regel, die spätestens beim Brüten über dem Examensbericht jeden heimgesucht hat: die “SMART-Regel”. Die SMART-Regel ist ein Akronym für:

S pecific

M easurable

A chievable

R eliable

T imed

Mit anderen Worten - ein Ziel nach der SMART-Regel ist spezifisch für einen*eine Klient*in formuliert (specific). Die Erreichung des Ziels innerhalb eines gegebenen Zeitrahmens (timed) liegt im Bereich des Möglichen (achievable). Das Ziel soll außerdem messbar (measurable) sein, das bedeutet ich muss mir als Therapeut*in bewusst werden woran das Erreichen des Ziels erkennbar ist. Im besten Fall ist dieser Erfolg kein Zufallsprodukt, sondern kann dann immer wieder erreicht werden (reliable).

Das klingt unhandlich und kompliziert?

Es gibt eine andere Art Ziele zu formulieren:

Die COAST-Methode

Die COAST- Methode ist eine Möglichkeit zur betätigungszentrierten und ergotherapiespezifischen Zielformulierung. Das schwierige an der SMART-Regel ist für mich persönlich, dass sie ursprünglich aus dem Projektmanagement kommt und ich allein durchs Entlanghangeln kein intuitives Ziel entwickeln kann. Mit der COAST-Methode ist das möglich. Wofür stehen nun die Buchstaben?

C lient

O ccupation

A ssist level

S pecial circumstances

T imeline

Zum besseren Verständnis kommen hier einige Beispiele:

  • Herr X (Klient) kann in 4 Wochen (Zeitrahmen) ohne Unterstützung durch Möbel und Angehörige (Unterstützungslevel) selbstständig in seiner Wohnung (besondere Umstände) vom Boden aufstehen (Betätigung).
  • Herr Q (Klient) hat am Ende der Verordnung (Zeitrahmen) Strategien erarbeitet mit Hilfe derer er selbstständig (Unterstützungslevel) für Arbeitsschritte 1-3 seiner Arbeit (besondere Umstände) seine Schulter schonen kann (Betätigung) um erneuten Schmerzen vorzubeugen.
  • Frau Y (Klientin) kann nach 2 Monaten (Zeitrahmen) Kleidungsstücke aus ihrem Kleiderschank herausnehmen und hineinlegen (Betätigung). Dabei nutzt sie ihren hohen Gehwagen (Unterstützungslevel) so, dass sie das Risiko zu stürzen minimiert (besondere Umstände).
  • Frau Z (erweiterter Klient) lernt in den nächsten 3 Wochen (Zeitrahmen), wie sie ihren Mann (Klient) ohne die Hilfe der Therapeutinnen (Unterstützungslevel) beim Transfer auf den Toilettenrollstuhl (Betätigung) unterstützen kann.

Der Punkt “Unterstützungslevel” und das Item “spezielle Umstände” sind nicht bei jedem Ziel sinnvoll. Manchmal kann eines der Items weggelassen werden, in seltenen Fällen auch beide.

Ein weiterer Vorteil von Zielen, die nach der COAST-Methode formuliert sind, ist, dass sich die Klient*innen in den Zielen auch wirklich wiedererkennen und für sie das Ziel so auch nachvollziehbar wird.

Brauche ich dann die SMART-Regel überhaupt noch?

Kurzgesagt: Ja.

Die SMART-Regel ist, wie wir ja schon festgestellt haben keine große Formulierungshilfe wenn es darum geht in der Praxis Ziele zu entwickeln. Die SMART-Regel lässt sich als Richtschnur verstehen - sie gibt den Standard vor, den ein Ziel mindestens erfüllen muss. Ein Ziel, welches ich nach der COAST-Methode formuliert habe sollte also auch SMART sein. Was bedeutet das für mich persönlich für mein praktisches Arbeiten?

Wenn ich ein Ziel entwickeln will, kann ich dafür die COAST-Methode verwenden. So wird mein Ziel ergotherapiespezifisch und betätigungsorientiert. Wenn ich mein Ziel habe, kann ich schauen, ob ich alle Kriterien der SMART-Regel erfüllt habe:

  • Herr X kann in 4 Wochen ohne Unterstützung durch Möbel und Angehörige selbstständig in seiner Wohnung vom Boden aufstehen.

    • Das Ziel ist spezifisch für Herrn X, es ist erreichbar in den 4 Wochen, die wir abgemacht haben. Durch die konkret beschriebene Betätigung wird das Ziel außerdem messbar und das Ziel ist wegen der konkreten Betätigung auch wiederholbar

    —> SMART-Regel erfüllt

  • Herr Q hat am Ende der Verordnung Strategien erarbeitet mit Hilfe derer er selbstständig für Arbeitsschritte 1-3 seiner Arbeit seine Schulter schonen kann um erneuten Schmerzen vorzubeugen.

    —> SMART-Regel erfüllt

  • Frau Y (Klientin) kann nach 2 Monaten (Zeitrahmen) Kleidungsstücke aus ihrem Kleiderschank herausnehmen und hineinlegen (Betätigung). Dabei nutzt sie ihren hohen Gehwagen (Unterstützungslevel) so, dass sie das Risiko zu stürzen minimiert (besondere Umstände).

    —> SMART-Regel erfüllt

  • Frau Z (Angehörige) lernt in den nächsten 3 Wochen (Zeitrahmen), wie sie ihren Mann (Klient) ohne die Hilfe der Therapeutinnen (Unterstützungslevel) beim Transfer auf den Toilettenrollstuhl (Betätigung) unterstützen kann.

    —> SMART-Regel erfüllt

Die COAST-Methode ist also eine gute Hilfe bei der Formulierung von Therapiezielen, die SMART-Regel liefert die Kriterien für den Mindeststandard.

Wie fange ich damit an?

Versuche gleich bei deiner nächsten Neuaufnahme möglichst konkrete Ziele mit deinem Klienten/deiner Klientin zu entwickeln. Vielen Klienten ist der Sinn am Anfang nicht ganz klar - sie wollen direkt mit der Therapie starten. Mach ihnen klar, dass ein konkret formuliertes Ziel die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist. Stelle konkrete Fragen:

  • “Welche Tätigkeit fällt ihnen im Alltag besonders schwer? Und warum?”
  • “Ist es ihnen wichtig, die Tätigkeit wieder ganz selbstständig ausführen zu können, oder können sie sich dabei auf Unterstützung ihrer Angehörigen verlassen?”
  • “Welche Teilschritte möchten sie wieder selbstständig ausführen können?”
  • “In welchem Zeitraum finden sie es realisitsch, dass sie die Tätigkeit zu ihrer Zufriedenheit ausführen können?”

Jetzt wissen du und dein*e Klient*in genau, wo ihr mit eurer Therapie hinwollt und könnt gemeinsam starten das Ziel zu erreichen.


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