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Kompetenzen von Ergotherapeut*innen - Das Canadian Model of Client-Centred Enablement (CMCE)

Von Lexi Mannes
Veröffentlicht in kanad. Modellreihe
15. September 2021
5 min Lesezeit
Kompetenzen von Ergotherapeut*innen - Das Canadian Model of Client-Centred Enablement (CMCE)
Grafische Darstellung des Canadian Model of Client-Centred Enablement eigene Darstellung

Inhaltsübersicht

01
Erklärung der einzelnen CMCE-Skills
02
Was bedeuten die Pfeile in der Grafik?
03
Warum sollte ich mich damit auseinandersetzten?
04
Was bringt mir das für die Therapie?
05
Wie kann ich das umsetzten?

Im vierten Teil dieser Artikel-Reihe werde ich dir das “Canadian Model of Client-Centered Enablement” (CMCE) vorstellen. Dieser dritte Teil der kanadischen Modell-Triplette ist vermutlich der Unbekannteste. Das finde ich sehr schade, denn sich mit diesem Modell auseinanderzusetzen kann sehr dabei helfen die eigene Berufsidentität zu stärken und die Abgrenzung gegenüber anderen Berufen klarer vor Augen zu haben.

Erklärung der einzelnen CMCE-Skills

Um das Modell gut verständlich zu erklären, werden wir uns zunächst jeden Enablement Skill einzeln anschauen, dafür habe ich die einzelnen Skills stichpunktartig erklärt. Danach werden wir auch dieses Modell auf den ergotherapeutischen Praxisalltag übertragen und ich werde dir erklären wie ich es in meiner Arbeit nutzte.

Adapt

  • Anpassungen vor/ während/ oder nach der Therapie (hier habe ich immer das PEO-Modell (Person-Umwelt-Betätigung) vor Augen)
  • Therapieangebote auf die Klient*innen abstimmen
  • Nutzen von Instrumenten zur Betätigungsanalyse (z.B. TCOP = Taxonomic Code of Occupational Therapy))

Advocate

  • deinen Klient*innen den Rücken stärken - gegenüber Angehörigen, Ärztinnen oder sonstigen Personen
  • neue Formen des Power-sharings, also der Verteilung von Macht und Verantwortung, entwickeln

Coach

  • Klient*innen dabei unterstützen ihre Lebensqualität zu verbessern
  • Hilfestellung beim Erkennen von Wichtigkeiten und Prioritäten
  • Nutzung von Ressourcen und Kreativität
  • Festlegung von Zielen
  • Erstellung und Verfolgung eines Planes, um Ziel zu erreichen
  • Klientenzentrierte Partnerschaft durch Gespräch über Betätigung
  • Klient*innen zur Übernahme von Verantwortung ermutigen
  • Klient*innen Feedback geben bzgl. occupational performance

Collaborate

  • Power-Sharing in der Therapie
  • Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Klienten, nicht für sie
  • Teilen von Fähigkeiten und Talenten
  • Zuhören und kommunizieren können
  • Vertrauen und Respekt haben
  • Durchhaltevermögen haben, um Lösungen zu finden

Consult

  • Austausch von Sichtweisen mit Klient*innen
  • Beratung von Klient*innen
  • Wertschätzung verschiedener Sichtweisen

Coordinate

  • Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und Angehörigen
  • Dokumentation von Information
  • Intraprofessionelle Zusammenarbeit, Absprache bzgl. Therapien
  • Eine gemeinsame Basis zur Zusammenarbeit finden

Design/Build

  • Schienenbau
  • Hilfsmittel entwickeln
  • Wohnraumanpassung
  • Services und Angebote für Klient*innen zugänglich machen (Essen auf Rädern)
  • Einen Plan oder eine Strategie entwickeln, um ein Problem zu lösen

Educate

  • “Lernen durch Handeln” in die Therapie einfließen lassen
  • Lernmöglichkeiten während der Therapie schaffen
  • sich selbst und Kollegen weiterbilden
  • Klient*innen über ihre Krankheit aufklären

Engage

  • Einbindung der Klient*innen in den therapeutischen Prozess, Partizipation
  • Klient*innen können Entscheidungen treffen, die die Therapie beeinflussen

Specialize

  • Besonderes Skillset nutzen zB. Arbeit nach dem Bobath Konzept

Was bedeuten die Pfeile in der Grafik?

Die beiden Pfeile stehen für die Beziehung zwischen Klient*in und Therapeut*in. Die Pfeile sind so ungleichmäßig, um darzustellen, dass diese Beziehung dynamisch ist und sich ständig verändert. Du hast bestimmt selbst auch schon bemerkt, dass du mit jedem*r Klienten*in etwas anders kommunizierst und interagierst, und selbst mit jedem*r einzelnen Klienten*in ist die Beziehung nicht gleichförmig, sondern sie verändert sich stetig. So asymmetrisch die beiden Pfeile auch sein mögen, es gibt zwei Punkte, an denen sie sich überschneiden, diese Punkte sind jeweils die End- und Startpunkte der Therapiedauer, aber sie können auch Anfang und Ende einer einzelnen Therapieeinheit markieren. Die Pfeile machen aber auch deutlich, dass das Leben von Klient*in und Therapeut*in auch außerhalb der Therapie stattfindet und legen wie ich finde den Fokus der Beziehung nochmal klar auf den Alltag des Klienten, denn die Therapie sollte kein Umweg sein, sondern etwas was sich in den Lebensweg desr Klient*in einfügt.

Warum sollte ich mich damit auseinandersetzten?

Das “Canadian Model of Client-Centred Enablement” beschreibt Kompetenzen, die wir als Ergotherapeut*innen haben, um unsere Klient*innen zur Teilhabe an ihrem Alltag zu befähigen. Und genau das ist nach der Berufsdefinfition vom DVE der Kern unserer Arbeit, wir sollten das also gut machen und vor allem selbst in der Lage sein uns dahingehend zu überprüfen.

Diese Reflexion wird dadurch möglich, dass es spezifische Kompetenzen gibt, die für Ergotherapeut* innen beschrieben sind, und ich als Ergotherapeutin einschätzen kann welche Aktionen in der Therapie mit welcher Kompetenz in Verbindung stehen. So kann ich meine Arbeit vor meinen Klient*innen, deren Angehörigen, Ärtz*innen und für mich persönlich am wichtigsten vor mir selbst begründen.

Was bringt mir das für die Therapie?

In meinem Artikel über das CMOP-E hast du schon einen Klienten von mir kennengelernt: Herr Klient. Seinen Fall sehen wir uns etwas ausführlicher an, damit ich dir erklären kann, was dir das CMCE konkret bringt.

Dir ist vielleicht aufgefallen, dass ich zur Informationssammlung das COPM verwendet habe, so habe ich alle für mich zu diesem Zeitpunkt notwendigen Infos zusammengesammelt. Hier kommen schon die ersten beiden Skills ins Spiel: Durch die Durchführung des COPM habe ich schon den ersten Schritt getan, um Herrn Klient in die Therapie einzubeziehen (CMCE-Skill “engage”). Außerdem versuche ich mich auf betätigungszentriertes und alltagsbezogenes Arbeiten zu spezialisieren. Unter anderem deswegen habe ich das COPM angewandt - es passt zu meiner spezialisierten Arbeitsweise und dadurch hebe ich mich von anderen Berufsgruppen ab (CMCE-Skill “specialize”). Ich habe auch geschrieben, dass Herr Klient meistens seine Frau dabei hat, die für ihn das was ich sage übersetzt. Das war für mich anfangs sehr ungewohnt und in unserer ersten gemeinsamen Therapieeinheit habe ich fast ausschließlich mit seiner Frau gesprochen und nicht mit Herrn Klient selbst. Ich konnte aber mein eigenes Handeln mit der Zeit auf diese Situation anpassen, indem ich unter anderem seine Frau so gesetzt habe, dass sie nicht in meinem Rücken saß, sondern neben ihrem Mann (CMCE-Skill “adapt”). So konnte ich mit beiden gleichzeitig reden. Herr Klient hat in dem Gesundheitszentrum aber nicht nur Ergotherapie, sondern auch Physiotherapie - beides so geplant, dass es hintereinander stattfindet. Hier war Planungsaufwand notwendig, um diese Kombi-Termine zu gewährleisten als die Therapie an einem anderen Tag stattfinden musste (CMCE-Skill “coordinate”). Ich habe dir außerdem auch schon erzählt, was ich als die Spiritualität von Herrn Klient erkannt habe: sein Beruf als türkischer Pizzabäcker. Dadurch, dass wir das zum Zentrum der Therapie gemacht haben, haben wir auf Augenhöhe zusammengearbeitet. Es hat ein “power-sharing” stattgefunden, denn Herr Klient konnte seine eigenen Wünsche und Ziele in die Therapie einbringen (CMCE-Skill “collaborate”).

Aber es gibt auch noch andere Situationen, bei denen ich die CMCE-Skills gut anwenden kann. Eine Situation, die mir in meinem Arbeitsalltag, bedingt durch die ambulante orthopädische Reha in meinem Gesundheitszentrum sehr häufig unterkommt sind Patient*innen (ja ich benutzte das Wort hier bewusst), die mit der Erwartung in die Therapie kommen “einfach kurz eingerenkt zu werden. Das geht doch bestimmt, gell?” Nein das geht nicht. Warum das nicht geht? WEIL ICH ERGOTHERAPEUTIN BIN!! Durch das CMCE weiß ich nämlich ganz genau, was meine Kompetenzen sind und da ich keine spezielle Fortbildung besucht habe, um solche manuellen Techniken zu erlernen kommt so etwas spezifisches und heikles in meinem “specialize skill” nicht vor. Und weißt du was? Das ist völlig in Ordnung. Denn weil ich Ergotherapeutin bin habe ich viele andere Kompetenzen, mit denen ich meinen Patient*innen helfen kann. Ich kann sie zum Beispiel über verschiedene Möglichkeiten und Strategien beraten, wie sie ihren Rücken im Alltag besser schonen können (CMCE-Skill “consult”). Dann können wir gemeinsam ausprobieren, welche meiner Vorschläge wirklich sinnvoll sind und schauen welche eigenen Lösungsideen mein*e Klien*tin hat (CMCE-Skill “coach”). Durch mein Handeln habe ich meine Klientinnen und Klienten aktiv in den Therapieprozess einbezogen und ihnen die Möglichkeit gegeben die Therapie mitzugestalten (CMCE-Skill “collaborate”).

Das genaue Wissen um meine Kompetenzen hilft mir auch, um einen Weg zu finden, wie ich mit Klient*innen arbeiten kann, die sich scheuen Verantwortung für die Therapie zu übernehmen. Das äußert sich häufig dadurch, dass Klient*innen mir erzählen, sie wüssten nicht, was für sie wichtig ist. Dann packe ich aus meinem CMCE-Koffer verschiedene Skills aus um meinen Klient*innen aufzuzeigen, wie wichtig es ist, dass sie in der Therapie Verantwortung übernehmen.

Wie kann ich das umsetzten?

So wie alles, was ich dir bis jetzt erklärt habe: Schritt für Schritt. Ich finde es sinnvoll, mir die Skills noch einmal durchzulesen und mir Beispiele aus meinem Arbeitsalltag für die Skills zu suchen - so habe ich auch angefangen. Dann kannst du einen Schritt weitergehen und dir eine Therapieeinheit vornehmen und diese anhand der Skills durchzugehen. Dann kannst du herausfinden, welche Skills du häufig anwendest und welche nicht so intuitiv in deinem Repertoire sind.


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