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Patient*innen oder Klient*innen in der Ergotherapie

Von Lexi Mannes
Veröffentlicht in Fachbegriffe
28. Februar 2022
6 min Lesezeit
Patient*innen oder Klient*innen in der Ergotherapie
Photo by Ashley Batz on Unsplash

Inhaltsübersicht

01
Wo liegt der Unterschied zwischen Patient*innen und Klient*innen?
02
Was bedeutet das in der Praxis?
03
Wie lässt sich das umsetzten?
04
Jetzt bist du an der Reihe

Seit circa 30 Jahren findet in der Ergotherapie in Deutschland ein Wandel statt - der Wandel hin zum “zeitgenössischen Paradigma”. Ein wichtiger Teil dieses Wandels ist vor allem ein neuer Umgang mit Menschen, die zu uns in die Therapie kommen: sie werden nicht mehr als Patient*innen, sondern als Klient*innen betrachtet. Diese Unterscheidung zwischen Patient*innen und Klient*innen mag im täglichen Arbeiten wie lästige Erbsenzählerei wirken, aber sie kann ganz konkrete Folgen für deine praktische Arbeit haben.

Ich möchte dir zeigen, weshalb die Unterscheidung zwischen Patient*innen und Klient*innen notwendig ist und was sich daraus konkret für deine therapeutischen Interventionen ergibt.

Wo liegt der Unterschied zwischen Patient*innen und Klient*innen?

Wer sind Patient*innen?

Zugegeben die Worte klingen sehr ähnlich, aber ihre Bedeutung unterscheidet sich erheblich.

  • Patient*innen sind Menschen, die

    • … behandelt werden wollen.
    • … eine passive Rolle im therapeutischen Prozess inne haben.
    • … selbst nicht wissen, was gut für sie sein könnte.
    • … die Verantwortung für ihre Gesundheit abgeben.

Ich arbeite in einem großen Gesundheitszentrum und höre oft Äußerungen, die klar machen, dass sich die jeweiligen Menschen in der Rolle als Patient*innen sehen. Ich habe einige für dich zusammengestellt.

  • Th: “Herr X jetzt haben Sie mir erzählt, dass Sie heute sehr starke Schmerzen haben und es Ihnen deswegen überhaupt nicht gut geht. Was würde Ihnen heute denn gut tun?”
  • P: ” Ohh keine Ahnung, entscheiden Sie” oder P: “Was?! Das müssen Sie doch wissen!”
  • Th: “Frau Z, vielen Dank für Ihre Schilderung wie Sie ihre Zähne putzen, dass kann ich mir jetzt richtig gut vorstellen. Ich möchte Sie nun bitten, sich eine Skala von 1 bis 10 in ihrem Kopf vorzustellen und damit zu bewerten wie Ihrer Meinung nach der Ablauf vom Zähneputzen klappt.” P: “Mhh aber das kann ich doch gar nicht einschätzen. Was sagen Sie denn?”
  • Th: “Herr Y aus allem was Sie mir eben erzählt haben, habe ich mitgenommen, dass vor allem das Sitzen gerade sehr unangenehm für Sie ist, Sie jeden Tag aber viel sitzen. Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir gemeinsam besprechen, was beim rückenfreundlichen Sitzen wichtig ist. Im Anschluss können wir dann überlegen, wie Sie das in ihrem Alltag umsetzten können. Was halten Sie davon?” P: ” Aber sitzen tut mir doch so weh! Vor der Reha hatte ich immer Massagen, die haben immer für 2 Tage geholfen. Massagen sind das einzige, was mir hilft.”
  • Th: ” So Frau Q, jetzt haben wir uns angeschaut wie Sie am Besten einen schweren Wäschekorb hochheben können, und dabei Ihren Rücken schonen. Wichtig ist, dass Sie versuchen, dass auch so häufig wie möglich in Ihrem Alltag umzusetzten. Nur dann kann es zu einer Gewohnheit werden.” P: ” Ohh wissen Sie ich glaube zu Hause werde ich das eh nicht machen. Wenn ich niemanden habe, der mir über die Schulter schaut dann denke ich auch nicht dran.”

Kommen dir ein paar der Äußerungen bekannt vor? Schauen wir uns an, was für Klient*innen charakteristisch ist.

Wer sind Klient*innen?

  • Klient*innen sind Menschen die

    • … eine Dienstleistung in Anspruch nehmen wollen.
    • … eine eigene Vorstellung vom möglichen Therapieergebnis hat.
    • … in der Therapie auf Augenhöhe beteiligt ist.
    • … Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen.

Dadurch ergibt sich für die Therapie eine völlig andere Voraussetzung.

  • Th: “Herr X jetzt haben Sie mir erzählt, dass Sie heute sehr starke Schmerzen haben und es Ihnen deswegen überhaupt nicht gut geht. Was würde Ihnen heute denn gut tun?” K: “Mhh ich weiß es nicht genau. Ich weiß leider gar nicht, was ich selber gegen die Schmerzen tun kann. Haben Sie da eine Idee?”
  • Th: “Frau Z, vielen Dank für Ihre Schilderung wie Sie ihre Zähne putzen, dass kann ich mir jetzt richtig gut vorstellen. Ich möchte Sie nun bitten, sich eine Skala von 1 bis 10 in Ihrem Kopf vorzustellen und damit zu bewerten wie Ihrer Meinung nach der Ablauf vom Zähneputzen klappt.” K: ” Oh das ist schwierig. Es geht natürlich nicht so gut wie vor meinem Schlaganfall, aber ich schaffe es immerhin. Ich würde sagen eine 6. Glauben Sie denn, ich könnte es schaffen, dass es wieder besser klappt?”
  • Th: “Herr Y aus allem was Sie mir eben erzählt haben, habe ich mitgenommen, dass vor allem das Sitzen gerade sehr unangenehm für Sie ist, Sie jeden Tag aber viel sitzen. Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir gemeinsam besprechen, was beim rückenfreundlichen Sitzen wichtig ist. Im Anschluss können wir dann überlegen, wie Sie das in ihrem Alltag umsetzten können. Was halten Sie davon?” K: “Ich habe mir bis jetzt noch nie Gedanken darüber gemacht, wie ich sitze. Bis jetzt habe ich immer Massagen verschieben bekommen, die sehr gut getan haben, aber leider immer nur so kurz geholfen haben. Ich denke das ist eine gute Idee.”
  • Th: “So Frau Q, jetzt haben wir uns angeschaut wie Sie am Besten einen schweren Wäschekorb hochheben können, und dabei Ihren Rücken schonen. Wichtig ist, dass Sie versuchen, dass auch so häufig wie möglich in Ihrem Alltag umzusetzten. Nur dann kann es zu einer Gewonheit werden.” K: “Mhh, ja ich werde es mal ausprobieren. Ich weiß aber nicht, ob ich es immer so anwenden kann. Wenn ich meinen kleinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt habe, dann hält er mich immer ganz schön auf Trab. Aber ich werde es versuchen, wenn er im Kindergarten ist, dann kann ich mich besser konzentrieren.”

Was bedeutet das in der Praxis?

Ein wichtiger Teil des am Anfang beschriebenen Paradigmenwechsels ist, dass wir Ergotherapie klientenzentriert praktizieren. Die Ergotherapie hat also zwei Hauptrollen zu vergeben: den Therapeuten / die Therapeutin und den Klienten / den Klienten. Moderne Ergotherapie findet auf Augenhöhe statt und bezieht die Klienten explizit mit in den therapeteutischen Prozess ein. Das ist auch die Richtung in die sich auch unser Gesundheitssystem hier in Deutschland seit einigen Jahren hinentwickelt. In der Zeit von 2000 bis 2006 wurden sechs nationale Gesundheitsziele formuliert, unter anderem das Ziel “Gesundheitliche Kompetenz erhöhen, Patient(inn)ensouveränität stärken”. Als Teilziele soll das “gesundheitsbezogene Selbstmanagement” angeregt werden und selbstbewusste sowie selbstbestimmte Handlungsweisen von Bürger*innen gefördert werden

Daraus ergibt sich, dass wir Patient*innen bei ihrer Entwicklung zu Klient*innen unterstützen sollten.

Wie lässt sich das umsetzten?

Für dich bedeutet es, dass es an der Zeit ist umzudenken. Nicht du bestimmst was das Beste für den zu Behandelnden ist, sondern ihr gemeinsam. Es ist deine Aufgabe es zuzulassen, wenn deine Klientin eigene Wünsche in die Therapie einbringen will. Wenn jemand keine Wünsche oder Ziele für die Therapie benennen kann, dann kläre ihn über Ergotherapie auf. Damit wären wir auch schon beim ersten Schritt:

Schritt 1: Ergotherapie erklären können

Seien wir mal ehrlich: die meisten Leute haben keine Ahnung was Ergotherapie ist (“aber es klingt so ähnlich wie Physiotherapie - es ist also bestimmt das selbe”). Bei Patient*innen, die Aussagen machen wie du sie oben lesen kannst hilft es meiner Erfahrung nach in 80% der Fälle die Menschen erstmal aufzuklären WAS Ergotherapie eigentlich ist. Am Besten nicht in einem 30minütigen Monolog, sondern prägnant und auf den Punkt. Nutze Menschen aus deinem Umfeld zum Üben, so schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe: du kannst deinen Klient*innen und Patient*innen erklären was Ergotherapie ist und deine Liebsten kennen endlich den Unterschied zwischen Ergotherapie und Physiotherapie.

Schritt 2: Integriere “Klient*innen” in deinen Wortschatz

Fang am Besten gleich damit an. Wenn du dir Gedanken über eine Therapie machst, versuche auch in deinen Gedanken “Klient*innen” statt “Patient*innen” zu denken. Versuche in der Arbeit öfter von Klient*innen statt Patient*innen zu sprechen. Ich weiß es ist eine Umstellung aber es lohnt sich. Wenn du Patient*innen bei der Entwicklung zu Klient*innen helfen willst, ist es wichtig, dass auch du dein Mindset veränderst.

Schritt 3: Klient*innen nach ihrem Alltag fragen

Frage sie was ihnen Schwierigkeiten bereitet und was nicht. Schreibe dir Defizite und Ressourcen auf - auf den Ressourcen kannst du in der Therapie aufbauen. Frage konkret nach. Den Mittel- und Ringfinger nicht flektieren zu können ist noch keine Alltagseinschränkung, erst wenn deine Klient*in die Hundeleine nicht mehr gut festhalten kann ist es eine. Frage deine Klient*innen wann ihnen im Alltag ihre Funktionseinschränkung konkret auffällt.

Schritt 4: Mut zur Lücke

Dieser Schritt ist mir am schwersten gefallen als ich frisch im Beruf war. “Ich kann doch als Berufsanfängerin nicht in eine Therapieeinheit gehen und nicht zu 100% wissen was ich mit meinen Klient*innen mache.” Doch kannst du. Du musst es sogar. Das schöne an unserem Beruf ist, dass wir Menschen behandeln und keine Roboter. Und, dass wir diese Menschen mit dem Fokus auf ihre Betätigungsanliegen in ihrem Alltag behandeln. Du hast ja in deinen drei Jahren Ausbildung nicht gelernt, wie du diesen einen Menschen behandelst, sondern was Funktionseinschränkungen für den Alltag von Menschen bedeuten kann. Klar ist es gut einen groben Plan zu haben, auf den du dich im besten Fall vorher mit deinem Klienten geeinigt hast. Wenn du aber jede Therapieeinheit von A bis Z durchplanst, dann ist deine Klientin nicht die zweite Hauptrolle in der Therapie sondern eher der*die Statist*in.

Jetzt bist du an der Reihe

Starte direkt mit dem ersten Schritt los und überleg dir wie du in deinen Worten anderen Ergotherapie erklären würdest. Aber sei dir auch bewusst darüber, dass du deine Erklärung immer wieder ändern wirst. Das ist gut so, denn du wirst verschiedene Erfahrungen machen die dein Verständnis von Ergotherapie beeinflussen werden. Und auch unser Beruf wird nicht für immer auf dem Stand von heute stehen bleiben, sondern sich immer weiter entwickeln.


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Klient*innentherapeutischer Prozesszeitgenössisches Paradigma
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